Die Music Learning Theory (MLT)
Die Music Learning Theory entstand in den 1970er Jahren in den USA. Edwin Elias Gordon suchte Antworten auf die Frage: "Wie lernt man Musik, wenn man Musik lernt?" Warum können viele Menschen ohne formales Wissen und ohne Noten lesen zu können nach Gehör musizieren und improvisieren, während andere ausschliesslich nach Noten spielen können?
Audiation: audire & action
Neu an Gordons Theorie ist, dass das Denken und Verstehen von Musik, Gordon nennt es Audiation eine angeborene Anlage im Menschen, die entwickelt werden sollte. Er meint den geistig-psycho-physischen Prozess, der ermöglicht, sich musikalisch ausdrücken zu können. Audiation bezeichnet die Fähigkeit, akustisch nicht präsente Musik innerlich zu hören. Durch Audiation können wir Musik verstehen, improvisieren, ausdrucksvoll und fliessend zu singen sowie zu musizieren. Audiation ist für die Musik, was der Gedanke für die Sprache ist. Wie beim Entwickeln des Denkens und beim Erlernen der Muttersprache braucht das Kind Vorbilder und Menschen, die mit ihm sprechen, ihm zuhören und mit ihm in Dialog treten. Sprache und Musik entwickeln sich im Inneren des Kindes. Die musikalische Entwicklung ist ein Prozess, der im Mutterleib beginnt und im besten Fall bis ans Lebensende andauert.
Musik lernen wie die Muttersprache, was bedeutet das im Kontext der MLT?
Das Kind lernt die Muttersprache von sich aus, auf seine Weise und in seinem Tempo. Die Eltern bringen ihm weder das Denken noch das Sprechen bei. Genauso verhält es sich beim Lernen von Musik. Jedes Kind hat bei der Geburt die Anlage Musik zu lernen. Das Umfeld, die Vorbilder und vor allem die Beziehung zu singenden, tanzenden, musizierenden Menschen sind für eine optimale Entwicklung dieser Anlagen ausschlaggebend.
Der Musikalische Dialog von Anfang an
Das Kind, das von klein auf in Musik eingetaucht ist, sich dazu frei bewegen und äussern kann, bekommt die Chance, seinen eigenen musikalischen Wortschatz zu bilden, zunächst hörend, später auch singend im Dialog mit den Erwachsenen und den anderen Kindern. Es lernt Musik mit dem Körper, bevor es dies kognitiv tut. Bis zum Schuleintritt lernen die Kinder, mit rhythmischer und metrischer Sicherheit rein zu singen. Sie bewahren und entwickeln Ihre angeborene Neugierde und Freude an der Musik, also die Grundlage, um mit dem formalen Lernen zu beginnen.
Musikalische Autonomie
Das formale Musik Lernen gemäss der MLT beginnt beim Schuleintritt. Im Mittelpunkt steht ein vielfältiges, nach Gehör gelerntes, mehrstimmig gesungenes Repertoire an Volksliedern und Melodien in verschiedenen Metren und Modi. Das Liedgut und das Verstehen von Metrum, Harmonie und Melodie bilden die Grundlage, um Musik zu lernen und eben um Audiation zu entwickeln. Gehörbildung, Bewegung, Körperbewusstsein beim Singen und Spielen, sowie Improvisation stehen von Anfang an gleichwertig nebeneinander. Durch die tonalen und rhythmischen Patterns, den kleinsten sinngebenden Bausteinen der Musik, lernen die Kinder die «Wörter» der Musik zu verstehen und damit zu handeln, neues zu erfinden oder bekannte Melodien umzubauen. Dies mit Hilfe der tonalen Silben (Tonikado) und der Rhythmus Silben. Eine äusserst motivierende Tätigkeit, die (musikalische) Autonomie fördert und weit über das Imitieren und das Entziffern und Wiedergeben von Notentexten hinausausgeht. Die Schülerinnen und Schüler lernen Basslinien und zweite Stimmen und üben sich im mehrstimmigen Singen und Musizieren von Anfang an. Was sie singen können, übertragen sie aufs Instrument. Was sie singen und spielen können, werden sie später auch schreiben und lesen lernen.
Musik lernen ist ein Prozess,
der sich im besten Fall ein Leben lang gestaltet und entwickelt. Die Musik wird zu einem persönlichen Ausdrucksmittel und erfüllt so den menschlichen Wunsch nach Kommunikation.
